Ein Bekenntnis zu Beethoven

Wo Musik nicht durchreist, sondern entsteht: Das Casals Forum feiert Richtfest mit dem Festival „Searching for Ludwig“ (aus der F.A.Z. vom 23.9.2019)

  • Wie der Stumpf eines mächtiges Baumes: Das im Entstehen begriffene Casals Forum vereint Hochtechnologie mit organisch fließenden Formen / Foto: Stephan Cropp/Kronberg Academy

Frankfurter Allgemeine Zeitung
Montag, 23. September 2019

Ein Bekenntnis zu Beethoven

Wo Musik nicht durchreist, sondern entsteht: Das Casals Forum der Kronberg Academy feiert Richtfest mit dem Festival „Searching for Ludwig“

Tränen habe er in den Augen gehabt, als die Decke für den neuen Konzertsaal fertig gegossen war, sagt Markus Schreiber, Glückstränen. Denn: „So was baut man nur einmal im Leben. Das kommt nicht wieder – für die Firma nicht, für einen selber nicht.“ Markus Schreiber, junger Familienvater, dreifacher Handwerksmeister, ist Polier und leitet die Baustelle für das Casals Forum der Kronberg Academy. Hier entsteht der erste Saal des gesamten Rhein-Main-Gebiets, der von Anfang an als Kammermusiksaal konzipiert wurde. Ein Saal, bei dem der Architekt Volker Staab und das Akustikbüro Peutz Consult von der Planung an zusammenarbeiten. Zugleich der erste klimaneutrale Konzertsaal der Welt, der ohne Heizung auskommt, sondern nur mit einem Eisspeicher per Wärmetausch seine Temperatur reguliert. Ein Saal, der akustisch gegen den Vorspielsaal im Studienzentrum isoliert ist. Ein Saal in organisch fließenden Formen mit wechselnden Innen- und Außenradien wie der Stumpf eines mächtigen Baumes. Alles musste vor Ort eingeschalt und aus Beton gegossen werden, fehlerlos bis in eine Höhe von fünfzehn Metern. Das ist handwerklich und logistisch kompliziert. Aber: „Einfach kann ja jeder“, sagt Markus Schreiber. Vor zwei Jahren war hier, direkt oberhalb des Bahnhofs Kronberg, noch nichts zu sehen. Der erste Spatenstich fand am 1. Oktober 2017 statt. Eine Grube von zwölf Meter Gründungstiefe und 8500 Quadratmetern Grundfläche wurde ausgehoben. Fels war abzufräsen, Wasseradern mussten eingehegt werden, bevor man die Bodenplatte legen konnte.

Und jetzt steht der Rohbau schon. Beim Hotel, dem „Vienna House mq“ (mq steht für Musikquartier), sind bereits die Fassaden mit Naturstein und nussbraunem Holz verkleidet. Glaser, Elektriker und Klempner haben einen Gutteil ihrer Arbeit getan. Beim Konzertsaal, der 550 Plätze haben soll, sind die Schalungs- und Schüttarbeiten zum Abschluss gekommen. Jetzt wird noch am Schulungszentrum mit den Überäumen, dem Vorspielsaal, der Geigenbauwerkstatt und den Büros gearbeitet. Am29. September will Raimund Trenkler, der Gründer und Leiter der Kronberg Academy, hier mit Gästen aus aller Welt Richtfest feiern. Die Richtkrone ist schon in Vorbereitung. Zum „Tag der offenen Baustelle“ am 3. Oktober können dann alle kommen, die wissen wollen, was hier entsteht und wie weit die Arbeiten gediehen sind.

Bereits jetzt ist die Kronberg Academy als rein privat finanzierte Musikhochschule eine Ausbildungsstätte für Geiger, Bratschen und Cellisten, die zu den Spitzeninstituten der Welt gehört. Doch Trenkler will das, was hier geleistet wird, auch einer teilnahmsvollen Öffentlichkeit zugänglich machen. Der Saal, der hier entsteht und zugleich Heimstätte des Chamber Orchestra of Europe als dem neuen Kronberger Residenzorchester sein wird, soll „keine kleine Alte Oper Frankfurt“ inmitten quirliger Urbanität werden, sondern „ein geschützter Raum“ in naher, aber bewusster Distanz zur Großstadt bleiben. Ein Raum, sagt Trenkler, „wo die Musik nicht durchreist, sondern entsteht, ein Raum der Begegnung zwischen Künstler und Publikum, ein Raum der Kontemplation, in dem man Ruhe finden kann in einer beschleunigten Zeit, Ruhe, die für die spielende wie hörende Vertiefung in die großen Werke der Kammermusik nötig ist“.

Vom Konzertsaal wird man auf den Viktoriapark mit seinen Teichen, Bäumen, Wiesen und den Statuen für den Cellisten Pablo Casals wie den Maler Anton Burger, den Begründer der Kronberger Künstlerkolonie im neunzehnten Jahrhundert, schauen können. Park und Saal gehen ineinander über. Das Grün setzt sich in der Dachbepflanzung des Studienzentrums fort, in dessen Innenhöfen und auf dem Platz zwischen Konzertsaal und Hotel. Raimund Trenkler träumt davon, dass dieser Platz einmal offiziell „Beethovenplatz“ heißen soll. „Beethoven und Casals – das gehört für mich zusammen“, sagt er, „das waren beides Musiker, die ihre Kunst als Erziehung des Herzens zur Menschlichkeit verstanden haben. So möchte ich auch die Ausbildung unserer Studenten hier verstehen – nicht als Drill für eine große Karriere, bei der sich die Künstler nach einigen Jahren, leer und ausgebrannt, fragen: Wer bin ich eigentlich? Was soll das alles überhaupt?“

Um Beethoven dreht sich auch das diesjährige Kronberg Academy Festival, das vom 25. September bis zum 1. Oktober das Richtfest umgeben wird. Friedemann Eichhorn, der auch die Ausbildungsleitung der Academy verantwortet und selbst Geiger ist, hat es programmatisch konzipiert. Es heißt „Searching for Ludwig“. Sieben Tage lang begeben sich 74 Künstler in 21 Konzerten in Kronberg und in Frankfurt am Main auf die Suche nach Ludwig van Beethoven. Alle Violinsonaten und alle Cellosonaten Beethovens kommen dabei zur Aufführung, aber auch neue Werke von Johannes X. Schachtner oder Moritz Eggert, die sich mit Beethoven und seiner Wirkung auseinandersetzen. Die Studierenden musizieren dabei gemeinsam mit Meistern ihrer Fächer wie András Schiff, Gidon Kremer oder Steven Isserlis. Die Kremerata Baltica und das Ensemble Modern zusammen mit dem Cellisten Jean-Guihen Queyras werden dabei sein, Christian Brückner wird aus Leo Tolstois „Kreutzersonate“ lesen, das Chamber Orchestra of Europe sein Kronberg-Debüt geben.

Das ist, wie schon der Traum vom Beethovenplatz und das gestalterisch ganz auf Beethovens Wiener Lieblingslokal bezogene Hotelrestaurant, organisatorisch ein starkes Bekenntnis zu Beethoven – in einer Zeit, da sich schon vor dem großen Jubiläumsjahr 2020 viel Ermüdung, Geringschätzung und Phantasielosigkeit im Umgang mit Beethoven abzeichnen. Vor allem aber ist das Festival ein Ausblick auf die Zeit nach 2021/22, wenn das Casals Forum eröffnet sein wird. Für Europas Kammermusikszene wächst Kronberg damit zu einem kontinentalen Schwergewicht heran.

Jan Brachmann

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