„Das einzig Positive am Brexit“

... was das ist, offenbart dieser Artikel aus dem Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung über unser Jubiläumskonzert.

  • Schlussapplaus nach Mozarts „Jupiter-Sinfonie", dargeboten vom Chamber Orchestra of Europe / Photo: Lutz Sternstein

Frankfurter Allgemeine Zeitung
Mittwoch, 24. Oktober 2018

Das einzig Positive am Brexit

Die Kronberg Academy gibt dem Chamber Orchestra of Europe eine Heimstatt

Im kleinen Kronberg tut sich Großes. Die riesige Baugrube oberhalb der Gleise, wo die S-Bahn-Linie vier, aus Frankfurt am Main kommend, endet, füllt sich. Das Hotel, das am neu entstehenden Casals Forum der Kronberg Academy angrenzen wird, erhält bereits sein letztes Obergeschoss, das Drahtgeflecht für den neuen Konzertsaal mit seinen 550 Plätzen ist in Arbeit; die Wände für den Saal sollen demnächst gegossen werden. Die Kronberg Academy liegt im Zeitplan. In etwa drei Jahren soll das Casals Forum eröffnet werden: Einen Konzertsaal, Unterrichtsräume, eine Geigenbauwerkstatt und einen Saal für Prüfungsvorspiele wird es beherbergen, um den Studenten dieser privaten Hochschule für außerordentlich begabte Streicher die besten nur denkbaren Bedingungen zu bieten.

Was das heißt, hat der Cellist István Várdai, der die Academy kürzlich absolvierte, so formuliert: Kronberg sei „ein Schutzort“ für ihn gewesen, an dem er sich sorgenfrei und inspiriert auf seine musikalische Entwicklung konzentrieren durfte. Genau das hat der Gründer und Leiter der Kronberg Academy, Raimund Trenkler, selbst Cellist, im Sinn: maßgeschneiderte Betreuung für Hochbegabte und Schutz vor dem allzu frühen Zugriff des Musikmarktes auf Persönlichkeiten, die sich noch in der Entwicklung befinden.

Das Forum wird den Namen des katalanischen Cellisten Pablo Casals tragen, der sich als Humanist verstanden und seinerzeit auch zu den Anwärtern auf den Friedensnobelpreis gehört hatte. Am 22. Oktober 1973 ist er gestorben – und dieses Datum ist bis heute wichtig für die Kronberg Academy. An Casals’ zwanzigstem Todestag nämlich fand das erste Konzert des Cellofestivals in Kronberg statt, unter der Mitwirkung und Patenschaft von Casals’ Witwe Marta Casals Istomin und des Cellisten Mstislaw Rostropowitsch. Es war die Geburtsstunde der Kronberg Academy und ist nun ein Vierteljahrhundert her. Dass die Kronberg Academy dieses Jubiläum im Kurhaus Wiesbaden groß gefeiert hat, ist selbstverständlich und wäre für sich genommen wohl nur einer kleinen Erwähnung wert, wenn bei der Gelegenheit nicht Erstaunliches verkündet worden wäre.

Trenkler ist es nämlich gelungen, das Chamber Orchestra of Europe als Residenzorchester des künftigen Casals Forum nach Kronberg zu holen. Das Kammerorchester, als rein privat finanziertes Ensemble aus dem Jugendorchester der Europäischen Gemeinschaft 1981 hervorgegangen, hat sich spätestens seit der Gesamtaufnahme der Symphonien von Ludwig van Beethoven unter der Leitung von Nikolaus Harnoncourt unzweifelhaften Ruhm erworben. Doch ist dieser Ruhm keineswegs auf die „historische Aufführungspraxis“ beschränkt, so deutlich man der Interpretation der „Jupitersymphonie“ von Wolfgang Amadeus Mozart in Wiesbaden die inspirierende Schulung durch einen eminenten Kopf wie Harnoncourt anhörte. Das Chamber Orchestra of Europe hatte sich erst im Juni dieses Jahres bei der Musica viva in München empfohlen als Fachkraft für neue Musik, die – wie es in dieser Zeitung (vom 11. Juni) hieß – „die Konkurrenz erzittern lässt“. Der Dirigent David Robertson war in München vor Dankbarkeit auf die Knie gefallen.

Der Bund gibt noch mehr Geld dazu

Nun will das Chamber Orchestra of Europe, dessen Mitglieder auf dem ganzen Kontinent verteilt leben, Kronberg zu seinem festen Arbeitsort machen, vielleicht eine eigene Konzertreihe im neuen Saal begründen und womöglich bald sein Büro samt Management von London nach Kronberg verlegen. Das Casals Forum, vom Architekturbüro Volker Staab entworfen, würde nicht nur zu einem neuen internationalen Zentrum der Kammermusik, sondern auch zu einem Schwergewicht der Orchesterkultur werden. Monika Grütters, die Staatsministerin für Kultur und Medien, nannte das in Wiesbaden euphorisch „das einzig Positive am Brexit“.

Grütters ist in Wiesbaden von jedermann, auch dem Staatsminister Boris Rhein als Vertreter der Hessischen Landesregierung, mit heiterster Zugewandtheit empfangen worden. Sie hatte Schönes mitgebracht: Der Bund erhöht seinen Anteil an den Baukosten des Casals Forums auf 21,5 Millionen Euro und trägt damit fast die Hälfte des Budgets, das aktuell auf gut 45 Millionen Euro veranschlagt ist. Ursprünglich wollte sich der Bund mit zehn Millionen beteiligen, dann kamen 2016 zweieinhalb Millionen und in diesem Jahr neuerliche neun Millionen Euro hinzu. Das Land Hessen trägt viereinhalb Millionen, dreizehn Millionen werden privat aufgebracht; der Rest sind Eigenmittel. Die Baukosten waren gestiegen, weil die Bodenplatte zusätzlich verankert werden musste.

Grütters betonte, es sei eigentlich nicht Sache des Bundes, private Musikhochschulen zu unterstützen (obwohl er dies, was die Ministerin nicht eigens erwähnte, im Fall der Barenboim-Said-Akademie in Berlin tut). Aber die Kronberg Academy sei „hochrangig und erstklassig“ und habe in der Streicherausbildung eine so strahlkräftige Position, dass sie für Deutschland nationale Relevanz besitze. Außerdem werde der laufende Betrieb der Hochschule ja ausschließlich durch private Förderer getragen, ganz ohne öffentliches Geld.

Wichtige Künstler, die der Academy im vergangenen Vierteljahrhundert Autorität verliehen haben, spielten beim Festkonzert in Wiesbaden: die Geiger Gidon Kremer, Christian Tetzlaff und Vilde Frang, der Bratschist Juri Baschmet und der Cellist István Várdai – im hoffnungsvollen Miteinander mehrere Generationen, worin Kronbergs Kraft liegt. Seit Oktober sind auch zwei Pianisten unter den derzeit 27 Studenten, denn mit dem „Sir András Schiff Performance Programme“ wird auch das Klavier Teil des Kronberger Exzellenzclusters für Kammermusik.

Jan Brachmann

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